Vanessa (16, links) und Inga (17) sind Steampunker: Eine Kunstfigur der Moderne aus Sicht der 1950er.
Vanessa (16, links) und Inga (17) sind Steampunker: Eine Kunstfigur der Moderne aus Sicht der 1950er.

Cosplay-Fans auf der Buchmesse

Entstanden auf der Buchmesse Frankfurt 2015 im Rahmen eines Seminars der Jungen Presse.

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Zuerst hier erschienen: jungeverlagsmenschen.de

Wer auf der Frankfurter Buchmesse nur alte Herren und Journalisten erwartet, war vermutlich noch nie dort. Auffällig viele Cosplay-Fans in Kostümen stürmen zu Messezeiten die Stadt am Main. Wir haben mit einigen von ihnen über das Hobby, die Beweggründe und Stars in der Szene gesprochen.

Schon am Frankfurter Hauptbahnhof wundert man sich über all die verkleideten Menschen, die aus den Zügen Richtung U-Bahn strömen. Monster mit Hörnern, Orks aus Fantasy-Romanen oder Japanische Popstars stehen dann auf der Rolltreppe zwischen Touristen oder Bankern. Auf dem Messegelände werden es dann immer mehr, immer noch buntere und skurrilere Figuren. Und dann fragt man sich, wieso eigentlich gerade die Buchmesse dieses Publikum anzieht.

Inga: „Ja, also ich lese ziemlich viel. Ich bin da ein bisschen altmodisch, also ich lese auch Klassiker wie Goethe und so weiter“

sagt Inga. Heute auf der Buchmesse sind sie und ihre Freundin Vanessa als Steampunker verkleidet.

Vanessa (16, links) und Inga (17) sind Steampunker: Eine Kunstfigur der Moderne aus Sicht der 1950er.
Vanessa (16, links) und Inga (17) sind Steampunker: Eine Kunstfigur der Moderne aus Sicht der 1950er.

Vanessa: „Ach, das sind einfach so Fantasiefiguren.“

Inga: „Ja, so eine Mischung aus Vintage und Technik sozusagen. Also wie man sich das in den 1950ern so vorgestellt hat: Die Moderne, gemischt mit dieser Zeit sozusagen. „

Vanessa kam von den beiden als erste auf die Idee. Interesse daran hat die Buchmesse geweckt:

Vanessa: „Bei mir war es so: Wir gingen einmal auf die Buchmesse und da hat man die ganzen verrückten Leute gesehen und dann denkt man sich ‚Hey, das gefällt mir, das mach‘ ich jetzt auch.‘ Dann bin ich einmal zu meiner Freundin Inga gegangen und meinte ‚Hey, hast du Lust, mitzumachen?’“

Inga: „Und da meinte ich ‚ja!‘, also es war eher eine spontane Idee.“

Das Aussehen der beiden erinnert fast an Cyborgs, also halb Roboter und halb Mensch. Vanessa hat kleine Zahnräder auf der Stirn kleben und auspuffartige Metalldosen am Kopf, Inga trägt einen schwarzen Zylinder und hält eine Art Zepter in der Hand, an dessen Ende ein kleines Fass sitzt.

Vanessa „Jaja, das ist alles selber genäht und gebaut und gebastelt und ja.“

Inga: „Also manche Dinge sind natürlich auch gekauft, aber das meiste ist von uns selbst gemacht.“

Ich frage sie, wie da Freunde und Bekannte, zum Beispiel in der Schule, reagieren.

Vanessa: „Die meisten sind begeistert. Es gibt immer ein paar Leute, die einen schräg angucken, aber unser Freundeskreis findet das eigentlich cool. Und mit dem Rest geben wir uns nicht ab.“

Die Ideen für ihre Kostüme entnehmen sie aus Büchern, Comics, Fernsehserien, Filmen oder Computerspielen. Die Frankfurter Buchmesse gilt in der Cosplay-Szene schon fast als Convention, also als organisiertes Treffen der Fantasy- und Japan-Fans.

Andere Gruppe, anderes Kostümthema. Zwischen den vielen Messeständen im Cosplay-Bereich treffe ich Jamie, im Semannsoutfit mit langen, violetten Haaren und Sam mit einer schwarzen Perücke.

Jamie: „Also nachgemacht, ausprobiert.. Ja, man will sich immer verbessern. Man fängt halt klein an und dann wird man mit der Zeit besser und dann ist man irgendwann richtig stolz darauf wenn man so richtig gute Cosplays machen kann.“

Jamie (19, rechts) hat heute ihr Notfall-Kostüm an. Sam (16) hat sich als Disney-Figur verkleidet.
Jamie (19, rechts) hat heute ihr Notfall-Kostüm an. Sam (16) hat sich als Disney-Figur verkleidet.

Sam: „Ja, natürlich muss man sich auch erstmal einen Charakter aussuchen, den man auch mag. Also man macht nicht einfach irgendwas.“

Jamie: „Also für mich persönlich macht das was aus, wenn man sich die Klamotten nicht irgendwie im Internet bestellt, sondern sie sich selber herstellt und die sich dann selber herstellt und die am Ende trotzdem richtig gut aussehen. Dann bin ich immer stolz.“

Jamie selbst hat sich nicht als ein spezieller Charakter verkleidet:

Jamie: „Also das hab ich jetzt auch gekauft auf einer anderen Convention, … das sind so meine Notfall-Cosplays, falls ich halt irgendwas machen möchte, mich verkleiden möchte, aber irgendwie nichts spezielles fertig hab. Ich bin momentan an anderen Sachen am Machen, die sind einfach noch nicht fertig oder geplant und einfach noch nicht angefangen.

Im Alltag da trag ich höchstens Klamotten die eben von diesem bestimmten Merchandise, was ich so mag, also wo was von meinem Lieblingsspiel oder so was abgebildet ist. Und sonst mehrmals im Jahr geh ich auf ’ne Convention, wo ich micht dann komplett von oben bis unten verkleide.“

..und die Buchmesse ist nicht ihr erstes Treffen.

Jamie: „Das ist jetzt meine wievielte Con? Die zwöfte? Ja, so darum, und ich hab mich fast auf jeder verkleidet, aber nicht so oft, dass ich irgendwas bestimmtes dargestellt hab. Im Moment stell ich auch nichts bestimmtes dar, das ist quasi so eine Eigenkreation, die ich mir selbst zusammengestellt hab, was einfach so ein bisschen nach Cosplay aussehen soll.“

Ein Stand passt erst einmal so gar nicht in die Cosplay-Welt. Da steht ein Tisch mit Nähmaschinen, daneben Thomas, grauer Pullover. Er selbst hat gar nichts mit dem Thema zu tun.

Thomas: „Ich selbst das erste Mal, bin aber positiv beeindruckt, weil das ein sehr offenes Publikum ist. Wir sind angesprochen worden und dachten ‚Ja, warum nicht?‘ Da war die Anfrage da, weil eben fast alle Cosplayer eine Nähmaschine brauchen und nicht ein fertiges Kostüm kaufen.“

Thomas verkauft Nähmaschinen und hilft auch in Notfällen beim Nähen der Kostüme vor Ort.
Thomas verkauft Nähmaschinen und hilft auch in Notfällen beim Nähen der Kostüme vor Ort.

Und da kann es auch mal passieren, dass direkt auf der Messe ein Kostüm gerettet werden muss.

Thomas: „Ja, eine kam, die hatte ’nen riesen Riss im Kleid und kam und hat sich hingesetzt und kurz mal ihr Kleid fertig genäht, damit sie weiterlaufen konnte.“

Am 18. Oktober findet auf der Messe das Finale der größten Cosplay-Meisterschaft Deutschlands statt. Neben Animexx, dem größten Verein der deutschen Szene, ist die Buchmesse Träger des Wettbewerbs. Dabei kommt es, wie eigentlich immer beim Cosplay, auf ein authentisches Kostüm an. Also: Die Teilnehmer verbringen neben Mangas viel Zeit an der Nähmaschine.

Strszyz: „Es muss immer einen Originalcharakter geben, also entweder Manga-Figur, Anime aus dem normalen Film, aus Games – so was. Und das Kostüm wird dann eben entsprechend dem Aussehen, der Detailgenauigkeit zum Originalcharakter bewertet, und der Auftritt ist dann sozusagen die Kür.“

Wolfgang Strszyz von der Buchmesse Frankfurt ist auch Manga-begeistert.

Strszyz: „Kochrezepte, oder Bastelrezepte – das gibt’s ja alles als Manga. Oder halt auch eben Geschichten für Erwachsene, das sind natürlich auch Mangas, die dann eben eher ruhig sind oder atmosphärisch oder so. Das ist ne ganz weite Sache und das ist einach in Deutschland auf fruchtbaren Boden gefallen. Damals eben durch Serien wie ‚Sailor Moon‘ oder ‚Dragon Ball‘, die einfach ein jugendliches Publikum auch sehr stark angesprochen haben.“

Ich frage mich, ob es dann auch wirkliche Stars in der Szene gibt. Wenn also jemand einen Wettbewerb gewinnt. Jona klärt mich auf

Jona: „Manche kennt man persönlich, manche kennt man eben gar nicht.. Stars richtig sind’s jetzt nicht. Die Cosplay-Szene ist zwar groß aber trotzdem relativ klein, ich mein, man kennt sich immer irgendwoher. Weil entweder bist du mit dem bekannt oder der ist mit dem befreundet – oder der hasst den deswegen find‘ ich den scheiße. Es gibt mehrere Arten, wie man jemanden halt kennen kann. Wen man sagt, ich bewundere den, wie er das Cosplay eben gemacht hat, dann kann man zum Beispiel auch Fan von dem sein.“

 Romi (22, links) näht gerne Kostüme für Jona (22), die das Handwerk nicht so gut beherrscht.

Romi (22, links) näht gerne Kostüme für Jona (22), die das Handwerk nicht so gut beherrscht.

Kostüme selbst nähen kann Jona allerdings nicht, da muss ihre Freundin Romi aushelfen.

Jona: „Also ich nähe nicht, ich kann nicht nähen. Ich hab hier eine Naht gemacht, aber das war’s dann auch schon. Sonst näht sie immer alles und bastelt alles – ich finanzier’s nur.“

Romi: „Rein von der Zeit her gesehen ist zwar schon das Machen von den Kostümen das aufwändigste, aber der schwerwiegendste Punkt ist dann eben doch das Beisammensein, das gemeinsam Tragen und Spaß haben und teilweise auch Komplimente dafür zu bekommen, weil es so gut aussieht. Das macht es einfach wert, sodass man sagt, ich zieh’s durch, ich mach’s weiter.“

Also: Perfektionismus ist wichtig. Mit dem Ziel vor den Augen, so auszusehen wie das Vorbild aus der Anime-Serie. Irgendwie eine interessante, kleine Parallelwelt, die man so auf der Buchmesse vielleicht nicht erwarten würde.

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